Troubled Vietnam

Vietnam 2015. Die Architektur, welche man bei Spaziergängen durch Ha Noi und beim Reisen durch die vietnamesischen Landschaften findet, spricht von Kolonialzeiten: der eindeutige europäische Einfluss ist unbestritten. Wer war allerdings hier vor Ort und woher kommen all diese Einflüsse? 

Ich werde neugierig und beginne zu recherchieren. Die Ergebnisse sind alles andere als einfach zu verarbeiten, hier haben jede Menge politische Mächte ihre Finger im Spiel. Wie das Land von 70 Jahren Kolonialzeit über 20 Jahre „Vietnam Krieg“ oder “American War” oder “Krieg der Widerstände gegen Amerika” und 10 Jahren Krieg in Kambodscha 1989 endlich zur Ruhe kommt und dann 1991 direkt dem Tourismus die Tore öffnet.

Französische Kolonialbesatzung in Vietnam

Die Franzosen schummeln sich ihren Weg bereits 1862 ins Land, als der damalige Kaiser Tu Duc ein Abkommen unterzeichnet, welches das Mekong-Delta an Frankreich abtritt. In den Folgejahren führen mehrere militärische Siegeszüge zu einer kompletten Übernahme im Jahr 1883, als die Franzosen dann Vietnam das sogenannte „Treaty of Protectorate“ aufdrängen¹.

Koloniale Einflüsse können an jeder Ecke gefunden werden, hier ein paar Hintergrundinformationen:

  • Menschliche Ausbeutung & großartige Bauwerke: die Bahnstrecke Saigon-Hanoi wurde zu dieser Zeit errichtet, wofür das Mekong-Delta werden musste. Den Preis, den die Menschen zahlen mussten, war hoch: die Kolonialmächte zahlten abgründig tiefe Löhne und die vietnamesischen Arbeiter waren unter unerträglichen Bedingungen tätig.
  • Bildung als eine der Schlüsselinvestitionen der kolonialen Regierung: die sogenannte „Dong Du“-Bewegung, „Go East“, sandte vietnamesische Intellektuelle nach Japan, um dort zu studieren². Außerdem wurde die lateinische Schrift „quoc ngu“ eingeführt, welche die Alphabetisierung vorantreiben sollte. Vietnamesisch wurde als Erstprache in Grundschulen unterrichtet, Französisch als Zweitsprache. Bis zu den 30ern waren ungefähr 10% der Bevölkerung alphabetisiert, ein riesiger Anstieg im Vergleich zu den vorherigen Jahrzehnten³.

Kommunismus als Widerstand gegen die Kolonialbesatzung

In den 1940ern tauchen zunehmend kommunistische Bewegungen auf, welche wenig mit einer marxistischen Ideologie zu tun haben, sondern vielmehr als Versuch gesehen werden sollten, sich von der französischen Kolonialbesatzung zu befreien⁴. Ho Chi Minh gründet 1930 die Kommunistische Partei Indochinas und 1941 die Unabhängigkeitsbewegung Viet Minh, bestehend aus verschiedenen kommunistischen und nationalistischen Gruppierungen. Die Viet Minh positionieren sich in den Folgejahren gegen mehrere Gegner: japanische Besatzungstruppen, die durch den 2. Weltkrieg ins Land kommen, französische Kolonialmächte und US-amerikanische Truppen, welche seit Anfang der 50er in Vietnam stationiert sind.

Der erste Indochina-Krieg und das Ende der Kolonialzeit in Vietnam

Während der Zeit des 2. Weltkriegs übernehmen japanische Besatzungstruppen die Macht über das Land. Nachdem diese mit dem Ende des Krieges abziehen, verliest Ho Chi Minh am 2. September 1945 in Ha Noi die Unabhängigkeitserklärung und ruft damit die Gründung der „Demokratischen Republik Vietnam“ (Nordvietnam) aus. Bis heute wird dieser Tag als Nationalfeiertag gefeiert.

Die französischen Kolonialmächte, welche immer noch vor Ort sind, akzeptieren dies jedoch nicht und beginnen einen Krieg gegen Nordvietnam: der Beginn des ersten Indochina-Krieges, der von 1946 bis 1954 andauern sollte. Die Niederlage der französischen Kolonialmächte sind gleichzeitig auch das Ende der Kolonialzeit in Vietnam.

Von einer Besatzung zur nächsten: der Kalte Krieg in Vietnam

Nach mehr als 70 Jahren kolonialer Herrschaft kommt das Land allerdings trotzdem nicht zur Ruhe, denn zur gleichen Zeit beginnt der Vietnam-Krieg, oder auch der „Widerstandskrieg gegen Amerika“: Vietnam wird zum Schlachtfeld „ideologischer Stellvertreterkriege der Großmächte“⁵. Hier kämpft nicht ein Vietnam gegen ein Amerika, hier laufen – wie so oft – mehrere Konflikte parallel ab.

Der genaue Startzeitpunkt des Krieges ist nicht bekannt, da die US-Amerikaner bereits ab 1950 Truppen im Land stationiert hatten. Rückblickend spricht man von einem Beginn rund um 1955: bei einer Konferenz in Genf wird Vietnam in einen kommunistischen Norden (geführt von Ho Chi Minh) und einen katholischen Süden (geführt von Ngo Dinh Diem) aufgeteilt. Da Diem zunehmend radikal handelt und beispielsweise zahlreiche Mönche einsperren lässt, kommt es innerhalb des Landes zu einem Nord-Süd-Krieg: die Kommunisten wollen den Süden vom Tyrann Diem „befreien“.

Die US-amerikanischen Kräfte, welche sich bereits im Land befinden, beobachten diese Entwicklung besorgt. Nach der „amerikanischen Dominotheorie“ fürchten sie den „kommunistischen Expansionismus“ und greifen somit in den Nord-Süd-Konflikt ein: so kämpfen in den 50er und Anfang der 60er Jahre der katholische Süden unter Diem als auch die US-Amerikaner gegen den kommunistischen Norden unter Ho Chi Minh.

Der Norden büßt ein.

•1964/65 attackieren die USA unter Lyndon Johnson den Norden heftig (Operation Pierce Arrow) – obwohl sie sich offiziell nicht im Krieg befinden.

•1969 stirbt Ho Chi Minh an einem Herzversagen.

Der Süden büßt ein.

•Der katholische Süden wird schwach, 1963 wird Diem getötet.

•1968 kommt es zu einem Überraschungsangriff von Nordvietnam auf Städte und Dörfer im Süden, bekannt unter der „Tet Offensive“.

  • 1970 beginnen unter US-Präsident Nixon und seinem Sicherheitsberater Kissinger Friedensgespräche in Paris.
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• 1972 übertritt Nordvietnam im Rahmen der „Osternoffensive“ die demilitarisierte Zone und attackiert den Süden.

  • 1973 unterschreiben alle Beteiligten das Pariser Friedensabkommen, die Kämpfe gehen jedoch weiter.
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• 1975 fällt Saigon an das kommunistische Nordvietnam und die letzten US-Amerikaner ziehen ab. Das Jahr gilt als das offizielle Ende des Vietnam-Krieges, des „American War“ bzw. des „Widerstandskrieges gegen Amerika“.

Die Sozialistische Republik Vietnam

Ein Jahr nach Kriegsende, 1976, wird die „Sozialistische Republik Vietnam“ ausgerufen, welche Nord- und Südvietnam wieder vereint und wie sie auch heute noch besteht. Die Zeit der Gewalt ist jedoch leider nicht vorbei.

Innerhalb des Landes werden sogenannte „reeducation camps“ errichtet, Wiedererziehungslager, was als Euphemismus für Gefangenenlager verstanden werden kann. Dort sollten bis zu 300.000 ehemalige militärische Offiziere, Regierungsangestellte und Unterstützer der ehemaligen süd-vietnamesischen Regierung gemäß der kommunistischen und sozialisistischen Ideologe des Nordens „umerzogen“ werden⁶.

An Weihnachten 1978 fällt Vietnam außerdem in Kambodscha ein, um gegen die Roten Khmer zu kämpfen. Da China ein Gegenzeichen setzen möchte, fallen 1979 kurzzeitig wiederum chinesische Streitkräfte in den Norden Vietnams ein. Im selben Jahr werden die Rothen Kmehr noch gestürzt. Erst zehn Jahre später zieht Vietnam jedoch seine Streitkräfte aus dem Nachbarland zurück.

Frieden in Vietnam: die Touristen können kommen.

1989 kehrt endlich Frieden ein, das Land kommt zur Ruhe. Es ist als „Sozialistische Republik Vietnam“ vereint und in keine militärischen Konflikte mehr verwickelt. Nur zwei Jahre später, 1991, öffnet das Land die Tore für den Tourismus: internationale Abenteuerlustige können nun auch Vietnam besuchen. Die Besucherzahlen steigen seitdem jährlich massiv an: während bei den ersten Aufzeichnungen im Jahr 1995 noch 1,35 Millionen internationale Touristen gezählt wurden, waren es 2005 fast drei Millionen und 2015 bereits mehr als 1 Milliarde⁷.

Troubled Vietnam – mein Fazit

Von Kolonialzeiten und Besatzungsmächten ausgelaugt und als Schlachtfeld für internationale Interessen missbraucht, konnte Vietnam erst vor wenigen Jahren beginnen, sich wieder mit einer eigenen kulturellen Identitätsfindung auseinanderzusetzen. Durch das Land zu reisen ist durch die gut ausgebaute Infrastruktur völlig unproblematisch, die Bevölkerung verstand auch schnell, dass Englischkenntnisse zur direkten Verbesserung ihrer Lebenssituation führen, weshalb von Hostel- und Hotelbesitzern bis hin zu den lokalen Bergstämmen kaum Kommunikationsschwierigkeiten auftauchen: ein Paradies für alle, die auch Kontakt zur Bevölkerung suchen. Historisch bedeutende Orte sind oft (noch) nicht museumsdidaktisch aufbereitet – was für mich allerdings auch ein großes Stück Authentizität wahrt und zumindest an diesen Orten die Touristenströme (noch) fernhält. Das Reisen wird somit zu einer Entdeckungsreise, die vor Ort noch nicht vorbei ist: die Recherchearbeit im Nachgang bringt noch so Einiges ans Tageslicht. Eine schöne und spannende Art, die Welt kennenzulernen, finde ich.

Nun habe ich erst einen kleinen Ausschnitt des Landes und seiner Geschichte kennengelernt. Ein guter Ausgangspunkt für eine Rückkehr: es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Bis zum nächsten Mal, Vietnam!

¹ Vietnam. Lonely Planet 2014: 425.
² Vietnam. Lonely Planet 2014: 425.
³ Vietnamese Alphabet. Wikipedia
⁴ Neuhauser, Andreas (2005): Kambodscha. 93.
⁵ Neuhauser, Andreas (2005): Kambodscha. 93.
⁶ Reeducation Camp. Wikipedia 
⁷ Viet Nam National Administration of Tourism.

Wichtiger Hinweis: solltet ihr in diesem Artikel Informationen finden, die in euren Augen nicht genug Wahrheitsgehalt aufweisen, so bitte ich um Rückmeldungen. Dies ist mein erster Kontakt mit der Geschichte Indochinas und ich habe nach bestem Wissen und Gewissen mein Verständnis bzw. die Ergebnisse meiner Recherche festgehalten. Trotzdem können sich durch Wissenslücken Fehler einschleichen – bitte einfach melden. Und über Rückmeldungen aller Art in den Kommentaren freue ich mich sowieso immer. Danke euch! 

Im Jahr 2015 durfte ich Vietnam besuchen. Zu meinen Berichten von Ha Noi, Cat Ba und Ta Van kommt ihr hier:

2015 - Vietnam - Sa Pa - 36
Bei Zoe und ihrer Familie in Ta Van.
2015 - Vietnam - Ha Noi - 11
Auf den Straßen von Ha Noi.
Photo - A monkey on an island near Cat Ba, Vietnam. His hobby: stealing food from tourists.
Die frechen Affen auf Cat Ba.

Text & Fotos: Kerstin Schachinger

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