Thomas & Rainer im Malchower Kleingarten.

Ein Kleingarten in Malchow im Osten von Berlin. Die Brüder Thomas und Rainer verbringen hier seit 10 Jahren ihre freie Zeit. Im Juni 2016, während alle vor den Bildschirmen saßen, um die Fußballeuropameisterschaft zu verfolgen, wurde ihr Wohnwagen angezündet. Sie lassen sich jedoch nicht unterkriegen… 

An der Endhaltestelle der Tram 4 und 5 liegt der Malchower See – mein Ziel an diesem regnerischen Herbstnachmittag. Als ich meine Jacke anzog, um mich auf dem Weg ins Grüne zu machen, schien gerade noch die Sonne. Als ich wenige Sekunden später das Haus verließ, fing es zu regnen an. Angekommen am Malchower See regnete es in Strömen. Ein wunderschöner Sonntagnachmittag im November eben.

Auf dem Weg zum See komme ich an einem Kleingarten vorbei. Die Sonne blinzelt gerade aus der Ferne zwischen den Ästen hindurch und lässt die Tropfen an einer Wäscheleine glitzern. Ich bleibe kurz stehen, schönes Bild. Knipps. Ein Versuch, das mit der Kamera einzufangen. Ich gehe weiter.

Nachdem ich ein paar Schritte weiter zum See gewandert war, kehre ich noch einmal um. Ich hatte Stimmen gehört in dem Kleingarten und das Foto war plötzlich ohne die Geschichte, die hinter diesem Kleingarten steckte, wie wertlos für mich. Also fasste ich meinen Mut zusammen und suchte die Besitzer der Stimmen zwischen dem verwachsenen Zaun auf.

Zwei verwunderte Augenpaare schauen mich an. “Hallo!”, sage ich. “Hallo!”, kommt es zurück. “Schönen Garten haben Sie!” Sofort kommen die beiden älteren Herren näher. “Ja aber nicht jetzt bei dem Wetter, Sie hätten im Sommer hier sein sollen!” Das Eis war gebrochen.

Thomas und Rainer heißen die beiden, sie sind Brüder. Vor zehn Jahren hatten sie sich diesen Kleingarten zusammen angeschafft. “Letztes Jahr hat jemand den Wagen angezündet.” – “Was?!”, frage ich entsetzt. Bestürzt, als sei es gestern passiert, erzählen die beiden vom Juni 2016. Während die meisten gebannt auf die Bildschirme starrten an den Abenden der Fußballeuropameisterschaft, zündete jemand den Wohnwagen von Thomas und Rainer an. Nicht nur der Wagen stand in Brand, auch die Bäume ringsherum bekamen Flammen ab. Ich schaue links und rechts neben mir an den Stämmen hoch – sie sind pechschwarz.

Foto Wohnwagen
Der in Mitleidenschaft gezogene Wohnwagen. Nachdem er 2016 angezündet war, reparierten ihn Thomas und Rainer so gut es ging.

“Wissen Sie denn, wer das war?”, frage ich. “Nein.”, meint Rainer. “Bööööse Menschen”, meint Thomas. Die sind überzeugt, dass es reines Kalkül war. “Alle saßen zu Hause und haben Fußball geguckt. Natürlich war das Absicht.”

Ich bin bestürzt. Vor wenigen Sekunden hatte ich mich noch über das Licht gefreut, das sich in den Wassertropfen an der Wäscheleine spiegelt. Jetzt stehe ich vor zwei älteren Herren und ihrem bescheidenen, aber sehr hübschen Kleingarten, deren Wohnwagen angezündet worden war. Ich frage, ob ich noch mehr Fotos machen darf. “Na klar! Willst du hier drin welche machen?” Sie bitten mich herein.

Der Kleingarten ist größer, als er auf den ersten Blick aussieht. Durch ein großes Eisentor komme ich zum Gartenweg, durch ein kleines Türchen betrete ich den Garten:

Stolz zeigt mir Thomas alle Einzelheiten, alle Details, an welchen sie tagtäglich arbeiten. Die letzten Äpfel aus der diesjährigen Ernte liegen auf dem kleinen Steinbrunnen sorgfältig in einer Kiste aufgereiht. Als ich sie bestaune, wird sofort der beste für mich ausgewählt: ein Geschenk. Die beiden wiederholen mehrmals, dass ich zur falschen Jahreszeit gekommen sei. “Im Sommer haben wir unser eigenes Gemüse! Kohlrabi, Kürbis… das solltest du sehen. Dann blüht alles hier!”

Ein kleines Häuschen als Teelichthalter steht auf einem Pflock, das Kerzchen wird angezündet: “Hier, das kannst du fotografieren!” Ein Häufchen Hühnerknochen wird für den Waschbär zurecht gelegt, der jeden Abend vorbei kommt. Keramikfrösche sitzen am Brunnen und lassen den Garten eine märchenhafte Stimmung annehmen. Auch der Spiegel wirkt so, als würde man jeden Moment in eine andere Welt eintauchen.

“Willst du einen Märchengarten sehen?”, fragt mich Thomas. Hm, will ich, denke ich? Die beiden Herren scheinen sehr nett zu sein, ob ich ihnen voll und ganz vertrauen kann, weiß ich allerdings nicht. “Welchen Märchengarten denn?”, frage ich vorsichtig. “Nein”, meint Rainer, “der gehört doch den Bulgaren!” Ach, die stört das nicht, meint Thomas. Sind ja schließlich alles Nachbarn hier.

So stapfe ich also Thomas hinterher in den Nachbargarten. Er zeigt mir einen Torbogen und einen mysteriösen Abstieg in – ja, wohin? Die Unterwelt? Den Keller? Haben Gärten normalerweise Keller? Schnell suche ich wieder eine Konversation, die Atmosphäre wird doch langsam etwas unheimlich. “Seid ihr jeden Tag hier, Rainer und du?”, frage ich. Jaaa, meint Thomas stolz mit weit aufgerissenen Augen. “Jeden Tag!” Ob sie in Rente seien, möchte ich wissen. So ganz versteht er meine Frage zuerst nicht, dann verneint er. Ich wundere mich, warum er dann Zeit hätte, jeden Tag hierher zu kommen. Schließlich meint er: “Rainer ist in Rente, ja.”

Nach weiterem Nachfragen erfahre ich, dass Thomas in Friedrichshain (Ostberlin) aufgewachsen war und früher als Eisenbahner gearbeitet hat. Bei der Deutschen Bahn, möchte ich wissen? Nein, bei der Reichsbahn. Oha, denke ich. “Wie war das denn so..?”, frage ich vorsichtig. “Interessant”, meint er und setzt eine geheimnisvolle Miene auf. “Wir haben alle getrunken. Und jetzt bin ich Alkoholiker”, sagt er traurig und senkt seinen Kopf.

Betreten schweige ich. Meine Fragelust ist mir vergangen. Zurück in ihrem Garten frage ich die beiden, ob ich noch ein Foto von ihnen machen dürfte. Prüfend streicht sich Thomas über sein Gesicht: ja, ich habe mich gestern rasiert, stellt er zufrieden fest.

Thomas (li) und Rainer (re), Kleingartenbesitzer in Malchow.

Leider regnet es so stark, dass einige Tropfen auf der Linse bleiben. Ich verabschiede mich. Ich freue mich, sie angesprochen zu haben und auf diesem Weg zwei nette Menschen in Malchow kennengelernt zu haben. Beeindruckt hat mich, dass keine Anschuldigungen gemacht wurden: wer auch immer ihren Wohnwagen angezündet haben mag, sie haben sie als “böse Menschen” bezeichnet, ohne jemanden anzuschmieren. Sie wissen nicht, wer es war und dabei bleibt es auch. Warnende Worte bekomme ich am Ende noch: sei vorsichtig, Kerstin, sagen sie. Sprich nicht zu oft fremde Menschen in Gärten an. Man weiß ja nie.”

Stimmt, denke ich. Man weiß nie. Die Geschichte von den Brüdern Rainer und Thomas und ihrem Kleingarten in Malchow möchte ich allerdings nicht missen.

Text & Fotos: Kerstin Schachinger

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