Die Türen von Lollar.

Als wären wir einmal falsch abgebogen, stehen wir plötzlich in einem kleinen Dörfchen von Fachwerkhäusern mit schön geschmückten, bunt angemalten Türen. Herzlich Willkommen in Lollar.

Vom Bahnhof Gießen werde ich mit dem Taxi abgeholt. Wir fahren kurz durch die Stadt, die Taxifahrerin erzählt, dass ich mir wohl besonders schlechtes Wetter ausgesucht hätte: es regnete immer wieder in Strömen an diesem Tag. Dementsprechend grau und unbedeutend erscheinen mir die Straßen hier, raus aus der Stadt in Richtung Industriegebiet wird das nicht besser.

Viel zu sehen gäbe es hier nicht, meint die Dame hinter dem Steuer. Ein paar Burgen, ein paar Museen, die hätten aber natürlich jetzt schon geschlossen, es ist ja bereits 18 Uhr. Auf einen Museumsbesuch hatte ich mich heute ohnehin nicht mehr eingestellt, die Enttäuschung hielt sich also in Grenzen.

Ein Kreisverkehr hier, ein Firmengebäude da, ich hoffe, bald noch auf schönere Landschaften zu treffen, die Google Bildersuche hatte mehr versprochen. Ein paar Minuten später biegen wir in eine kleine Seitenstraße ein und das, obwohl das die Bewohner hier gar nicht gerne sehen, meint die Taxifahrerin. Naja, ist doch eine Straße – oder nicht?, frage ich vorsichtig nach.

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Wir sind jetzt aber in einem besonderen Ortsteil von Lollar gelandet: Pflastersteine lassen die Umgebung sofort dörflicher und entspannter aussehen und vor allem sind wir nur noch von urigen Fachwerkshäusern umgeben. Liebe auf den ersten Blick! Und es fühlt sich immer noch wie purer Zufall an, einmal falsch abgebogen quasi.

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Lollar ist eine Kleinstadt mit ca. 10.000 Einwohnern¹. Moment, was?

Ich, die aus einer knapp 12.000 Einwohner² Stadt kommt (Ried im Innkreis, Oberösterreich), die um Einiges weniger an Fläche und vor allem durch ein großes Jobangebot und Einzugsgebiet um Einiges mehr an Infrastruktur und Kultur- sowie Sportangeboten aufweist, frage mich, wo die ganzen Leute wohl sein mögen? Und was die denn lieben langen Tag so machen?

Was es hier so gibt, verrät ein Blick auf die örtliche Webseite³:

  • einen Hochwasserrisikomanagementplan
    (für euer nächstes Hangman-Spiel, you’re welcome)
  • ein Hallenbad, welches an 4 Tagen die Woche je 2 Stunden geöffnet hat
    (hier ist gutes Zeitmanagement gefragt)
  • ein Jobangebot für eine Erzieherin für 28 Wochenstunden, jedoch befristet bis zum 31. 7. 2018
    (klingt auf jeden Fall verlockend)
  • 9 Fördervereine
  • 4 Angelvereine
  • 4 Freiwillige Feuerwehren
  • 4 Naturschutzbunde
  • 3 evangelische Kirchengemeinden, 2 katholische Pfarrgemeinden
  • 3 Schützenvereine
  • 3 Burschenschaften
  • 2 Mädchenschaften
  • 1 Burschen- und Mädchenschaft
  • 2 Gesangsvereine, 1 Sängervereinigung und 1 gemischter Chor
  • 1 Blasorchester
  • 1 Geflügelzuchtverein
  • 1 Tennisclub, 1 Tennisverein
  • 1 Handballverein
  • 1 Radfahrverein
  • 1 Reitverein, 1 Vereinigung der Freizeit- und Wanderreiter
  • 1 Kanu-Club
  • 1 Jugendvolkstanzgruppe
  • 1 Ungarndeutsche Tanzgruppe
  • 1 türkischen Kultur- und Sozialdienstverein
  • 1 Kegelclub und 1 Kegelverein
  • Vogelfreunde
  • und ein paar Zquetschte, wie man bei uns sagen würde.

Noch Fragen? Da treiben sich also die Leute rum. Alles klar. In den Gässchen von Lollar ist es jedenfalls ganz ruhig und friedlich am Donnerstagabend. Die Vereinstätigkeiten spielen sich wohl im Keller ab.

Die Kostentransparenz der örtlichen Politik finde ich auch vorbildlich – vielleicht ist das auch in anderen Städten so üblich, so viel Zeit, mich mit den städtischen Webseiten auseinanderzusetzen, habe ich mir zugegebenermaßen noch nicht genommen. Bei einem Teller frischer Tomatensuppe im Mühlenhof erfahre ich aber spannende Details⁴:

  • Die Hundesteuer für den ersten Hund beträgt 54,00€. Für den zweiten 90,00€. Für den dritten und jeden weiteren 138,00€. Interessante Staffelung.
  • Die Bestattungsgebühren für ein Reihengrab liegen bei 446,00€, soll es ein Wahlgrab werden, dann kostet das ganze bereits 570,00€. Eine Urnenbestattung liegt hingegen bei 196,00€. Dazu kommen noch Nutzungsgebühren für die Friedhofskapelle, die Leichenhalle und die Waschungen. Letzteres liegt bei1,86 € + 7% MwSt pro cbm Frischwasser. Schon mal drüber nachgedacht? Ich nicht. Danke Lollar.

Wer nach diesen harten Fakten noch Lust auf Sightseeing hat, kann sich mit einem neugotischen Industrieschlösschen oder einem Eißengießerdenkmal aufheitern. Hier ist auch die Sonne noch mal rausgekommen und ich mache mich zu einem kleinen Spaziergang auf, um die Türen von Lollar zu fotografieren. Von denen kann ich einfach nicht genug bekommen.

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Text & Fotos: Kerstin Schachinger

Quellen

¹ https://de.wikipedia.org/wiki/Lollar#Wirtschaft_und_Infrastruktur
² https://de.wikipedia.org/wiki/Ried_im_Innkreis#Schulstadt
³ http://www.lollar.de/
⁴ http://www.lollar.de/sv_lollar/Stadtinformationen/Aktuelle%20Daten/ 

 

Lust auf mehr?

 

 

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