Bild - Kino Bellaria

Frau Helga aus dem Kino Bellaria.

Verzweifelt auf der Suche nach einer Toilette stolpere ich vom Gehsteig¹ irgendwelche Stufen hinunter und lande in – einem Kino von vor vielen Jahren. Sofort fühle ich mich, als hätte ich eine Zeitreise gemacht. Eine Geschichte von ehemaligen Stars, einem alten Kassenhäuschen und von Frau Helga. 

Während ich leicht gestresst und verzweifelt auf der Suche nach einer Toilette ein paar Stufen hinunter stolpere, blickt mich eine ältere, vornehme Dame aus einem alten Kassenhäuschen durch ihr Sprechloch in der Glasscheibe an. Als wüsste sie bereits, was jetzt kommt, hebt sie eine Augenbraue, wartet jedoch geduldig auf meine Reaktion. “Grüß Gott!” Trotz Anspannung versuche ich lächelnd und leicht gezwungen eine gutmütige Verbindung aufzubauen.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: ich spreche mit Frau Helga, die seit fast 40 Jahren genauso zum “Inventar” des Bellaria Kinos gehört, wie die lebensgroßen Filmstars von einst auf schwarz-weiß Plakate an den vergilbten Wänden oder die Damen und Herren, die sich schick gemacht mit Hüten, beziehungsweise Anzug und Krawatte hier jeden Nachmittag als Stammgäste einfinden, um Filme aus den 30er und 40er Jahren zu sehen.

Ohne viel Veränderung in ihrem Gesichtsausdruck erwidert Frau Helga den Gruß. “Wo finde ich denn bei Ihnen die Toilette?” Zeit für die Frage “ob” hatte ich nicht mehr. “Ja, eigentlich wären das dann 50 Cent, aber gehen Sie einfach nach hinten d..” – “Ich zahl’ auch gerne 50 Cent”, erwiderte ich hastig. Frau Helga verstand. “Einfach nach hinten durch und dann links”, meinte sie nur. Schnell huschte ich vorbei an den Plakaten und den mich skeptisch beäugenden Stammgästen. Puh. Das war gerade noch ‘mal gut gegangen.

Bild - Kino Bellaria
Das Kino Bellaria in Wien

Beim Hinausgehen war ich wieder entspannter und warf einen Blick auf das aktuelle Programm. 3 Tage Quiberon und Die Schti’s in Paris, aktuelle Produktionen, vor allem europäisches Arthouse Kino, werden hier abends auch gespielt. Gerne würde ich länger bleiben – nächstes mal dann. Ob mich Frau Helga dann auch wieder aus dem Kassenhäuschen empfangen wird,  ist jedoch nicht so sicher. 2017 wurde bereits in einem Artikel erwähnt, dass sie bald in den wohlverdienten Ruhestand gehen würde.

“Wiederschau’n!” Dankend verabschiede ich mich von der Dame und meiner kurzen Zeitreise. Zurück auf der Straße sehe ich dann auch einen Sticker am Eingang für Leute wie mich: “Nur WC-Benutzung 50 Cent”. Ups. Bestimmt verirren sich öfter nicht-lesende Spezialisten wie ich in die beschauliche Seitengasse. Umso mehr: Danke, für Ihre Gelassenheit, Frau Helga! Ich freue mich auf den nächsten Besuch – dann aber richtig.

Text & Foto: Kerstin Schachinger

Lust auf mehr?


¹ Für meine deutschen Freund’innen: Gehsteig ist das österreichische Wort für Bürgersteig. Ja, wirklich.

 

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