Junila improvisiert und lernt für ein einfacheres Leben.

Frühmorgens um kurz nach halb sieben sind die Straßen in Berlin wie leergefegt. Die Sonne ist längst da, der Sommer ist in der Stadt, dunkel wird es kaum. Durch eine kleine Seitenstraße laufe ich auf die Brücke am Bahnhof Friedrichstraße zu und höre schon aus der Ferne bekannte Klänge: ein Akkordeon. An der Treppe sitzt eine Frau und spielt ihre ersten Lieder des Tages. Ich höre eine Weile zu, während ich am Wasser entlang spaziere, dann spreche ich sie an. So lerne ich Junila kennen. 

Unsere Blicke treffen uns, ein Lächeln von mir, ein Lächeln von ihr. Ich würde ihr gerne etwas Geld geben und stelle beschämt fest, dass ich nur noch ganze 20 Cent in meiner Geldtasche habe. Na bravo. Das hätte ich mir wohl besser überlegen sollen. Aber einen Menschen kennenzulernen soll ja wohl nicht von ein paar Cent mehr oder weniger abhängen. “Hallo!” Sie lächelt und nickt mir zu, ich setze mich neben sie an die Straße.

Von Fotos und dem Anfang eines schönen Gesprächs.

“Darf ich fragen, wie Sie heißen?” – Junila, erfahre ich. Sie komme aus Rumänien, nennt mir eine Stadt, die ich leider nicht kenne und somit direkt wieder vergesse, schlimm ist das mit mir. Wo diese Stadt genau liege, nördlich, östlich, … das wüsste sie nicht. Ich frage, ob ich ein Foto machen dürfte, weil ich gerne etwas schreiben würde. “Für die Zeitung?”, fragt Junila. Nein, für einen Blog im Internet, versuche ich zu erklären. Sie schüttelt zögerlich den Kopf. “Tut mir Leid”, entschuldigt sie sich und zeigt auf ihr Gesicht, ihren Kopf: damit fühle sie sich nicht wohl. So bleibt es bei einem Bild aus der Ferne und einem schönen Gespräch.

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Junila spielt am Bahnhof Friedrichstraße Akkordeon.

Lernen für ein einfacheres Leben.

Junila ist vor 15 Jahren nach Berlin gekommen. Deutsch hat sie auch gelernt, wir unterhalten uns gut, jedoch ist sie selbst nicht zufrieden mit ihrer Leistung. Am 10. Juli, also in wenigen Tagen, beginnt der nächste Kurs: B1/2. Mit der Sprache scheint sie sich eingehend zu beschäftigen, obwohl sie nie eine andere Ausbildung abgeschlossen hat. Dass Bildung der Schlüssel für ein einfacheres Leben ist, gibt sie jedoch jetzt weiter: ihr Sohn gehe hier zur Schule, als sie von ihm erzählt, leuchten ihre Augen auf.

Straßenmusik – zwischen Kunst und Überleben.

Ihr Herkunftsland habe ja eine reiche Musikkultur, auch in der Straßenmusik, habe ich bereits mitbekommen, erzähle ich. Ja, bestätigt sie, das stimmt! Wie das Musizieren auf der Straße liefe, möchte ich wissen. “Nicht so gut”, meint Junila traurig. Sie müsste viele Rechnungen bezahlen, die Miete, das Internet – das sei schwierig. In Rumänien hatte sie nicht gearbeitet, das Akkordeonspielen hatte sie sich dann in Berlin selbst beigebracht. Hier spielt sie Tag ein, Tag aus und zwar Lieder, die sie sich selbst überlegt: “Welche Musik spielen Sie denn da?” – “Ich improvisiere!”, erwidert Junila stolz.

Ein Lächeln gegen die Einsamkeit.

So haben wir uns doch kurz kennengelernt, nächstes mal habe ich mehr Kleingeld dabei, nehme ich mir vor. Falls jemand von euch bei Junila vorbeikommt, grüßt sie doch lieb von mir. Und fragt doch sie – oder eine von den vielen anderen Junilas da draußen – einfach bei Gelegenheit mal, wie es ihnen geht und was sie so machen. Oder schenkt ihnen einfach ein Lächeln, darüber freut sich doch jeder. Alles Gute und vielleicht auf bald!

Text & Foto: Kerstin Schachinger

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