Von Blattlausmittel und Walnussautos: mein Nachbar Norbert.

Hat jemand von euch eine Sprühflasche für Pflanzen zu viel rumstehen?” Mit dieser Frage lerne ich Norbert kennen, der wenige Minuten später auf der Nachbarschaftsplattform nebenan.de antwortet, dass er so eine hätte und mir diese sogar inklusive Blattlausmittel geben könnte. Telefonnummer dazu, fertig. Kurze Zeit später stehe ich vor seiner Tür und bekomme nicht nur eine Sprühflasche, sondern auch noch ein selbstgebasteltes Walnussauto und den Anfang einer spannenden Lebensgeschichte.

Als Norbert die Tür öffnet, merke ich einmal mehr, dass Digitalisierung und Social Media keine Altersfrage sind: wir hatten uns über die Plattform nebenan.de ausgetauscht, auf welcher man Menschen in der direkten Nachbarschaft kennenlernen und sich gegenseitig unterstützen kann, mal ‘ne Bohrmaschine ausleihen oder einen nicht genutzten Blumentopf verschenken kann. Social Media goes regional sozusagen, das liebe Internet lässt einen heute nicht mehr nur Menschen auf der anderen Seite der Welt vernetzen, sondern unterstützt uns einmal mehr dabei, den Leuten von nebenan Hallo zu sagen. Das klang wohl für Norbert genauso spannend, wie für mich.

Selbstgemachtes Blattlausmittel.

“Hier, ich hab ‘was für dich!” Anstatt der erwarteten Sprühflasche bekomme ich erstmal ein kleines Geschenk, etwas, das sorgfältig in einer bunten Serviette eingewickelt und mit Geschenkband verziert ist. “Oh! Danke…”, ich bin überrascht, “so ein Geschenk hätte ja ich dir mitbringen sollen, im Austausch gegen die Sprühflasche!” Das sieht Norbert anders. Er geht nochmal rein, die versprochene Sprühflasche sei noch im Keller. An der Türschwelle bleibt er stehen und fängt an zu erzählen: er habe selbstgemachtes Blattlausmittel in der Flasche, aus alten Zigarettenstummeln, welche er in Wasser eingeweicht hatte. Mit diesem Wasser hätte er dann die Rosen in seinem Garten besprüht, womit die Blattläuse die Flucht ergriffen hatten.

Das Walnussauto

Als Norbert zurück kommt, will er gleich wissen, ob ich denn sein Geschenk in der Zwischenzeit geöffnet hätte. Kleinlaut gebe ich zu, dass ich dieses, ohne es zu öffnen in meine Tasche gepackt hatte. Ehrlich gesagt hatte ich Sorge, dass sich darin ein alter Keks befindet, Schande über mich und meine Vorurteile. Ich krame also die bunte Serviette wieder hervor und finde ein kleines, selbstgebasteltes Walnussauto darin. Ganz stolz ist er, der Norbert, er habe das selbst gebastelt. “Vor ein paar Tagen hat doch jemand auf nebenan.de geschrieben, eine Dame, dass sie Walnusshälften zum Basteln verschenken würde”, meine ich. “Ja genau!”, strahlt Norbert, “und ich hab sie genommen!

Foto - Das selbstgebastelte Walnussauto von Norbert.
Das selbstgebastelte Walnussauto von Norbert.

Berlin ist ein Dorf.

Die Welt ist klein. Die Parallelwelt des Diskurses der digitalen Nachbarschaft und der analogen Welt finden hier schnell zueinander. Anstatt lange hin- und herzuschreiben sieht man einen Beitrag, ein Angebot oder eine Bitte und zwei bis fünf Minuten später steht man vor der nachbarschaftlichen Haustür und lernt sich direkt kennen. Keine langen Anfahrtswege, keine ewigen virtuellen Dialoge, einfach nur ein kurzes Mittel zum Zweck und schon fühlt sich Berlin nicht mehr wie eine Großstadt an, sondern wie ein Dorf.

Aus einer anderen Welt

Er sei geschieden, erzählt Norbert. “Seither geht es mir viel besser!” Wir müssen beide lachen. Da steht ein Mensch vor mir, der in der DDR als Ingenieur gearbeitet hat und seit 1989 arbeitslos ist, dann in Frührente gegangen ist. Ein Mann, der zu einer Zeit in einer Welt gelebt hat, die nicht mehr existiert, in einem politischen System, das ich nur aus Filmen und Erzählungen kenne. Es ist derselbe Mann, es ist immer noch Norbert, doch jetzt stehen wir vor seiner Haustür am Prenzlauer Berg an der Grenze zu Weißensee, wo die Mietpreise ständig neue Rekorde erreichen, der Kapitalismus längst zugeschlagen hat und allgegenwärtig ist und oft vergessen wird, dass nicht nur die Gebäude noch dieselben sind, wie vor 30 Jahren, sondern auch die Menschen noch da sind. Sie leben weiter, passen sich an, sind nun auf sozialen Internetplattformen unterwegs, um auf ihre Mitmenschen zuzugehen. Verrückt, denke ich.

Echte Nachbarschaftshilfe

Gegenseitige Unterstützung ist für die Menschen auf nebenan.de selbstverständlich, Geld hat hier in meinen Erfahrungen noch selten eine Rolle gespielt. Mal bekam ich ein altes CD-Radio geschenkt, was bei vielen verwaist im Keller steht und bei mir ein neues Zuhause auf dem Küchentisch gefunden hat – ich versuche mich zur Zeit in mehr Unabhängigkeit vom Internet. Und mal kam René vorbei, auch Urberliner, Mitte 50, um mir beim Anschluss meiner Waschmaschine zu helfen. Im Gegenzug wollte er nichts annehmen: “Was bleibt, ist, dass auch du mal Nachbarn hilfst, die deine Unterstützung brauchen.” Ich bin beeindruckt. So kenne ich das vom Land und nun darf ich es hier in Berlin erleben. Es liegt also doch an den einzelnen Menschen und nicht an der Größe einer Stadt. Schön.

Eine unerwartete Gegenleistung

Dieses Versprechen darf ich dann direkt bei Norbert einlösen, denn es gäbe etwas, womit ich ihn unterstützen könnte: er gibt mir eine Plastiktüte von Kaufland und meint geheimnisvoll: “Ich gebe dir die mal und dann sage ich dir, was du damit machen kannst.” Ich bin gespannt. Er sammle Altpapier, erzählt er mir. Dafür bekomme er bei der BSR pro Kilogramm 8 Cent. Wow. Ich bin sprachlos. Nun sammle ich also Altpapier für Norbert. Sobald die Tüte voll ist, komme er vorbei, um es abzuholen, ich müsse mich darum gar nicht kümmern. Da fehlen mir echt die Worte, bei so viel Bescheidenheit und so einer Lebenseinstellung.

Ich freue mich, Norbert kennengelernt zu haben und darauf, bald mit ihm einen Kaffee zu trinken. “Ich habe viel zu erzählen”, meinte er. Oh ja, das kann ich mir vorstellen. Und ich kann mich glücklich schätzen, diese Geschichten bald hören zu dürfen. Bis zum nächsten mal, Norbert!

Text & Foto: Kerstin Schachinger
Dieser Artikel ist am 31. Juli 2018 im Magazin von nebenan.de erschienen.

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