30 – mein Geburtstagsmonat | Asien 2018

Dreißig.

“Wie fühlt man sich mit 30?”

Mein 30. Geburtstag in Laos

Es ist mein Geburtstagsabend im November 2018, ich sitze in einem Sommerkleid auf einer Hostelterasse in Laos und frag’ mich genau das. Vor ein paar Wochen hatte ich beschlossen, diesen Tag alleine in Asien zu verbringen. Freundinnen hier, Freunde da, wie sollte ich mich da für einen Ort entscheiden, meinen runden Geburtstag zu feiern?

Also entschied ich mich für etwas ganz Anderes: Ich fahre an einen Ort, an den ich schon immer wollte und kümmere mich nur um mich selbst. Als Geschenk an mich. Letzteres ist ohnehin eine Herausforderung für mich aber so kann ich das gleich mal üben, dachte ich. Und der Gedanke war gar nicht so verkehrt, wie sich bald herausstellen sollte.

Ja, es wird ein ganzer Monat werden. Dreißig zu werden ist schon etwas Besonderes für mich, auch wenn einige Leute versuchen, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Ich war mir nur nicht ganz sicher, in welche Richtung es gehen würde. Also beschloss ich, mir selbst das Geschenk zu machen, vier Wochen in Asien zu verbringen.

Obwohl es bereits seit ein paar Stunden dunkel ist, haben wir noch 28 Grad draußen. Die Luftfeuchtigkeit ist genau so, wie ich es mag, besonders in den Abendstunden: zu hoch für europäische Standards, trocken für Südostasien. Ich lasse mir mein leckeres Geburtstagsabendessen schmecken, mein erstes laotisches Curry und nehme einen Schluck von meinem selbstgemischten Radler mit Beer Lao. Schmeckt. Der Tag war schön gewesen, nichts Besonderes aber gleichzeitig voll von netten kleinen Momenten. “Also, wie is es so mit 30?” Ich fange an, auf ein Blatt Papier zu kritzeln.

“Leichter!” Jap, erleichtert fühl ich mich auf jeden Fall. Und das, obwohl ich verantwortlicher bin für mein eigenes Leben, als je zuvor. Komisch eigentlich.

Einen Tag lang Nichtstun. Na gut, nichts, bis auf die Tatsache, mich in einer neuen Umgebung um mich selbst zu kümmern. Also eh nur genug trinken, um meinen Körper auf die tropische Hitze einzustellen, vorsichtig essen, um keine Verdauungsprobleme zu bekommen, auf meine Umgebung achten und schauen, wem ich vertrauen kann, auf wen ich mich verlassen kann, mit wem ich eine Verbindung aufbauen sollte oder besser nicht, dass mir Kreditkarte und Reisepass nicht geklaut werden, ich nicht zu viel Geld ausgebe, um wirklich einen Monat lang bleiben zu können und dann natürlich noch wie ich von A nach B komme. Sonst eh nix.

Abgesehen von den paar Kleinigkeiten bleibt dann nur noch die Frage: Wie kann ich die ganze Zeit bestmöglich genießen, also lieb zu mir selbst sein und jeweils das finden, was mir Spaß macht und gut tut? Witzig, diese Frage stelle ich mir sonst eigentlich selten. Dieses Geburtstagsgeschenk an mich selbst scheint mir keine schlechte Idee gewesen zu sein.

Guten Morgen, Vientiane

Während des Kritzelns erinnere ich mich zurück an meinen Geburtstagsmorgen: Heute bin ich einem winzigen Zimmer in Vientiane aufgewacht. Wenn ich winzig sage, meine ich w i n z i g. Zwischen den Wänden und dem Bett war kein Zentimeter Platz, die waren sozusagen zusammenbetoniert. Zwischen Bett und Tür war gerade genug Raum, um letztere zu öffnen. Das Fenster war nicht nur verschlossen, sondern mit Brettern zugenagelt, sodass ein Öffnen undenkbar war. So war ich wenigstens vor der unbarmherzigen Sonne und der verschmutzten Stadtluft geschützt.

memory bubbles - kerstin schachinger - laos 2018 - 1 1000
Mein erstes Panorama an meinem Geburtstagsmorgen: mein Zimmerfenster in Vientiane.

“Boah, hab ich gut geschlafen” ist mein erster Gedanke, als ich zum ersten mal blinzle und auf mein zugenageltes Fenster blicke. Den vorherigen Tag hatte ich mit langem Reisen verbracht, insgesamt achtundzwanzig Stunden hab ich mich in Flugzeugen und auf Flughäfen rumgetrieben, von Berlin über Oslo, weiter nach Bangkok und schließlich nach Vientiane, der laotischen Hauptstadt.

Endlich betrete ich echten asiatischen Boden (Umsteigeflughäfen wie Bangkok, wo ich mehr Österreicher’innen als Asiat’innen gesehen und gehört habe, zählen nicht) und das tropische Klima schlägt mir ins Gesicht: I’m loving it. I’m ready for my birthday month.

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Minimalismus macht leicht. Was würde ich denn sonst noch brauchen?

Ja, es wird ein ganzer Monat werden. Dreißig zu werden ist schon etwas Besonderes für mich, auch, wenn einige Leute versuchen, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Ich war mir nur nicht sicher, in welche Richtung es gehen würde. Würde ich mich erwachsener fühlen? Reifer? Unglücklich? Alt? Weiser (haha, guter Witz) ? Also hab ich meine Urlaubstage in meinem 40h-9-bis-18-Uhr-Job zusammengespart und beschlossen, mir selbst das Geschenk zu machen, vier Wochen in Asien zu verbringen.

Das letzte Jahr war ziemlich verrückt, im Guten, wie auch im Schlechten. Die schwierigsten Zeiten¹ haben mich spüren lassen, dass ich auch nicht unsterblich bin und mein Körper auch mal stopp sagt (das hab ich schon so oft gehört, aber wie sich das anfühlt, hatte ich bis jetzt noch nicht gewusst). So hab ich – endlich – realisiert, dass ich besser auf mich aufpassen muss. Die besten Zeiten² innerhalb dieser slow-motion-Zeit (in der ich mich bewegt und in der Geschwindigkeit gedacht habe wie eine Schildkröte – oder sogar langsamer, wenn ich mir meine Schildkröte so anschaue) haben mich näher zu mir selbst gebracht, zu der Kerstin, die ich wirklich bin. Und sie – die besten Zeiten und ein paar tolle Menschen – haben mir gezeigt, dass ich das auch mehr zeigen darf. Ja, so lange hat das gedauert bei mir. Und es ist immer noch jeden Tag ein Prozess.

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Ein Zimmer für mich allein – purer Luxus in einem Hostel. Aber an meinem Geburtstag hatte ich Glück 🙂

Also, wohin soll es gehen? Die Richtung ist eigentlich ziemlich klar – näher zu mir selbst – und die letzten paar Wendungen waren ziemlich spannend für mich. Leute auf meinem Weg haben mir gezeigt, wer ich sein möchte und wer nicht. Mit wem ich mich wohl fühle und wer mich stresst. Wessen Gesellschaft ich in welchen Situationen gut finde.

Aufgaben haben mir gezeigt, wofür ich meine Kompetenzen einsetzen möchte – und wofür nicht. Verantwortlichkeiten haben mir gezeigt, was ich lernen möchte und muss, um meine Ziele zu erreichen. Stille hat mir gezeigt, wie sehr ich sie brauche, um meine Batterien aufzuladen (bin immer noch introvertiert, auch, wenn das für manche vielleicht nicht so aussieht), wie ich mir selbst Gesellschaft leisten und diese Zeit auch schön finden kann, auch ohne verfügbarer Ablenkung.

Da bin ich also, ein ganzer Monat nur für mich in Südostasien. Zeit mit mir, in der ich lerne, nachsichtiger mit mir selbst zu sein und mir den Raum gebe, den ich brauche, um mich zu erholen. Zeit, in der ich mir das nehme, was ich brauche, um eine neue Umgebung und mich selbst zu entdecken – und das in drei Ländern: Laos, Thailand und Myanmar.

Nachdem ich mein Zimmer aufgeräumt, meine Tasche wieder gepackt und ein Sommerkleid übergeworfen habe (yay, Sommer! Ihr merkt schon, ich kann es nicht oft genug wiederholen), mache ich mich auf den Weg zum Frühstück in den Gemeinschaftsraum. Leute. Wo sind denn hier andere Leute.

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Im Hinterhof des Hostels ist Platz zum Lesen, Meditieren und Leute kennenlernen.

Nach dem Frühstück finde ich heraus, dass mein geplanter Bus bereits ausgebucht ist, der nächste fährt in ein paar Stunden. Ich hab also jede Menge Zeit, die ich großteils im Hinterhof des Hostels verbringe: Hier kann ich schreiben, meditieren (was ich neu für mich entdeckt hab und mir bei meiner Akklimatisierung hilft) und die ersten anderen Backpacker kennenlernen.

Gemeinsam machen wir noch eine kleine Erkundungstour durch Vientiane, da ich jedoch auf Natur und Erholung eingestellt bin, finde ich in der staubigen und heißen Stadt nicht das, wonach ich suche. Schnell zurück in den Hinterhof. Hier hab ich meine Ruhe und kann überlegen, wonach mir die nächsten Wochen so ist. Ich kann machen, was ich will! Also, was wär das denn genau?

Natur, Natur, Natur! Ich will meine Zeit in der Natur verbringen und schöne Begegnungen mit Locals haben, Menschen der jeweiligen Länder kennenlernen. Also, Landschaften und Menschen von Laos, here I come! Ich freu mich drauf, euch kennenzulernen ♡

Ich hab nicht viel geplant für meine Reise, ich mag es nicht, viel zu planen und mit vielen Erwartungen zu reisen. Wenn es die Zeit erlaubt, habe ich so die Chance, schöne Orte auf dem Weg zu entdecken, die (glücklicherweise) in keinem Reiseführer stehen und auch noch nicht auf jedem Reiseblog zu finden sind.

In Richtung Norden

Endlich sitze ich im Bus raus aus der Stadt Richtung Norden. Ich bin kein großer Fan von Vientiane, ich hab im Moment kein großes Bedürfnis nach Staub und Lärm. Als wir schließlich durch Reisfelder und grüne, grüne Landschaften fahren, bin ich seelig. There we go, HIER wollte ich an meinem Geburtstag sein.

Ich hab nicht viel geplant für meine Reise, ich mag es beim Backpacking auch nicht, viel zu planen und mit vielen Erwartungen zu reisen. Vielmehr ist das going with the flow ein wichtiger Teil des Reisens für mich. Wenn es die Zeit erlaubt, habe ich so die Chance, schöne Orte auf dem Weg zu entdecken, die (glücklicherweise) in keinem Reiseführer stehen und auch noch nicht auf jedem Reiseblog zu finden sind. Das ist doch das Schönste eigentlich 🙂

Was ich jedoch tatsächlich im Voraus geplant habe sind die ersten paar Tage, um eine ungefähre Richtung zu haben, bis ich mich mit den lokalen Systemen zur Fortbewegung vertraut gemacht habe. Ich wollte meinen 30. Geburtstag in einem Baumhaus verbringen, da Baumhäuser für mich zu den schönsten Orten gehören, seit ich 2011 auf den Philippinen in Enigmata war. Da ich allerdings einen späteren Bus nehmen musste und ich nun erst am frühen Nachmittag losfahre, läuft das Ganze bereits etwas anders.

Und dann lernte ich gleich noch etwas über Laos, das ich nicht in meine wenigen Pläne einkalkuliert hatte: Die Straßen sind unterirdisch. Es ist ja nicht meine erste Asienreise, aber ich hatte zuvor tatsächlich noch nie Angst, in einem Bus oder Auto zu sitzen (nein, auch nicht in Manila, und da geht es schon verrückt zu – aber vielleicht auch, weil ich noch jünger war?). Klar hatte ich darüber gelesen, aber es zu erleben ist dann doch noch mal ein biiisschen etwas Anderes. Zusammengefasst bestehen die Straßen aus mehr Schlaglöchern, als Straße. Das bedeutet: Der Minibus beschleunigt hochtourig, bremst radikal ab, Schlagloch. Der Bus beschleunigt hochtourig, bremst radikal ab, Schlagloch. Der Minibus beschleunigt hochtourig, bremst radikal ab… stun – den – lang.

Das ist nicht übertrieben, denn auf Google Maps zeigt es mir die Strecke von Vientiane nach Vang Vieng mit 3.5 Stunden an, in Wirklichkeit waren wir sicher fünf bis sechs Stunden unterwegs. Und zwar genau so: Der Minibus beschleunigt hochtourig, bremst radikal ab, Schlagloch. Der Bus beschleunigt hochtourig, bremst radikal ab, Schlagloch. Der Minibus beschleunigt hochtourig, bremst radikal ab, Schlagloch.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin die letzte, die sich über die Gegebenheiten in einem Entwicklungsland beschweren würde, ich möchte nur mein Erlebnis beschreiben. Laos hat in den letzten Jahrzehnten gelitten, wie wenige Länder auf diesem Planeten. Während des Vietnam-Krieges (oder American War, wie man ihn in Vietnam nennt) sind mehr Bomben in Laos abgeworfen worden, als in Vietnam, insgesamt wohl 2 Millionen Tonnen. Das macht Laos zum meist-bombardierten Land der Welt³.

Ich hatte mich auch nicht auf Luxus eingestellt, sonst hätte ich meinen Geburtstag in einem Spa in Mitteleuropa verbracht. Für mich ist es anders gesagt Luxus, hier sein zu dürfen und sicher durch ein Land fahren zu können, das unglaublich schön ist, reich an lokalen Kulturen und nun – endlich – zu einem großen Teil⁴ auch sicher ist.

Mein Geburtstagsabendessen

Es ist nun zu dunkel und zu spät, um zu “meinem” Baumhaus weiterzureisen, als ich in Vang Vieng ankomme. Denn das würde eine weitere Fahrt in den Dschungel hinein bedeuten und ich wüsste gar nicht, wen ich nun fragen könnte, mich da sicher hinzubringen. Also schnappe ich mir meinen Rucksack und spaziere Richtung Dorfplatz, beziehungsweise vorbei an Hotel, für Hotel, für Hotel. Vang Vieng ist längst zu einem Touristenhotspot geworden.

Die erste Unterkunft, welche in meinen Augen entspannt und easy-going aussieht, ist meine Rettung. Kein Mensch ist da, außer jemand an der Rezeption und ich habe Glück: Es gibt ein freies Bett. Gut, ich hätte keine Lust auf Poolpartystimmung gehabt heute Abend. Die Anfang 20-Jährigen feiern ihre erste Asienreise mit Tequila im Nachbarhostel, kaum zu überhören mit ihren Ghettoblastern. “Whoa, wie anstrengend”, schießt es mir durch den Kopf und im nächsten Moment erinnere ich mich an meine ersten Asienreisen. Ob ich wohl auch so war?

Ich richte mich ein – endlich duschen! – und ziehe mein Lieblingskleid an (Happy Birthday me!), dann ist es Zeit für einen Entdeckungsspaziergang. Dabei versuche ich mich irgendwie zu besinnen: Du bist jetzt 30. D r e i ß i g. Wie ist das denn so?

Keine Ahnung. 

Du kannst im November bei sommerlichen 28 Grad am Abend durch ein kleines laotisches Dorf wandern.

Ziemlich verrückt eigentlich. 

Du hast einen ganzen Monat vor dir, wo du nur deine Lieblingsdinge machen kannst: Dir mit leckeren (authentischen!) laotischen, thai und burmesischen Speisen den Bauch vollschlagen, die freundlichsten und zuvorkommsten Locals kennenlernen, mit anderen Backpackern über Gott und die Welt (also Philosophie und das Leben) reden und neue Freunde finden.

Ziemlich cool eigentlich. 

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Beer Lao mit laotischem Sprite gemischt. Radler halt.
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Mein Geburtstagsessen.

Bei meinem Entdeckungsspaziergang laufe ich durch meinen ersten asiatischen Markt auf dieser Reise und gönne mir ein kleines Täschchen für mein Handy und meine Geldtasche, um diese immer bei mir zu haben. Dann geht es zurück zum Hostel für mein Geburtstagsabendessen: leckeres Gemüsecurry mit selbstgemachtem Radler mit Beer Lao. ບໍ່ດີ! Prost!

Guten Morgen, Laos

Endlich, am nächsten Morgen ist es soweit: Ich darf die Schönheit der laotischen Landschaft kennenlernen. Da braucht es keine Worte: Ich würde in diesem Moment nirgendwo anders auf dieser Welt sein wollen. 

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Guten Morgen, Laos.

Um zu “meinem” Baumhaus zu kommen, bitte ich den Rezeptionisten meines Hostels, dort anzurufen und zu erklären, warum ich letzte Nacht nicht erschienen war. Ich mag das an der lokalen Organisation. Es gibt noch so etwas wie ein Festnetz und ein lokales Telefonbuch. Natürlich erledigt er das für mich, während ich meinen ersten Kaffee genieße.

“Es gibt keinen öffentlichen Bus”, meint Tami, der Rezeptionist. Es stillt sich heraus, dass er gleichzeitig der Besitzer des Hostels ist. “Sie holen dich ab!” Auch gut, das ist ja ein Service.

“Als wir Kinder waren, sind wir hier frei durch die Gegend gelaufen. Wir sind in den Nachbarhäusern ein- und ausgegangen. Jetzt ist alles anders. Alles dreht sich ums Geschäft, ums Business. Die Leute befürchten, dass wir ihre Ideen klauen. Also bleibt jeder lieber für sich.”

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Tami, der Besitzer des Hostels, teilt einen Teil seiner Geschichte mit mir.

Gespräche mit Tami über andere Zeiten

Tami ist 23 Jahre alt und hat in diesem Jahr (2018) die Verantwortung für das gesamte Hostel übernommen. Er fragt mich nach Europa, denn er würde eines Tages gerne hinreisen. “Warum?”, möchte ich wissen. “Was interessiert dich denn?”

“Ich würde gerne Real Madrid spielen sehen. Oder Manchester United.” Ah ja, ein richtiger Fußballfan.

Der junge Businessinhaber hat seine Teenagerzeiten mit seiner Mutter in den USA verbracht. Dann kam er 2006 mit ihr zurück nach Laos und sie eröffneten “Pan’s Place”, das erste Hostel in Vang Vieng. “Pan” ist der Name des Gottes für die Natur und die Wildnis aus der griechischen Mythologie, erklärt mir Tami. Damals kamen nur wenige Touristen und jede’r musste sich selbst zurechtfinden. Es gab keine geführten Touren, keine Reisegruppen. “Früher war es friedlich”, erinnert er sich. 

“Als wir Kinder waren, sind wir hier frei durch die Gegend gelaufen. Wir sind in den Nachbarhäusern ein- und ausgegangen. Jetzt ist alles anders. Alles dreht sich ums Geschäft, ums Business. Die Leute befürchten, dass wir ihre Ideen klauen. Also bleibt jeder lieber für sich.”

“Ich bin es leid, mit Betrunkenen zu arbeiten.”

Ein paar Monate lang versuchte Tamis Mutter das Hostel zu leiten, als sie 2006 zurück nach Laos kamen. Sie mochte die Arbeit allerdings nicht. “Mum ist jetzt 49, es ist zu viel Arbeit für sie”, erklärt mir Tami. Also ging sie 2018 zurück in die USA und arbeitet seither in einer Fabrik. Nun leitet Tami das Hostel ganz alleine. Er kann vor allem die betrunkenen Touristen nicht leiden, verrät er mir. “Ich bin es leid, mit Betrunkenen zu arbeiten.” 

Leute, die nur Parties im Sinn haben und nicht sehen, in welchem Kontext sie agieren, in welche lokale Kultur und Natur sie eingreifen und welchen Schaden dies auf die Umgebung ausübt.

Es geht immer um Respekt

Leider hat Vang Vieng einen schlechten Ruf, unverantwortliche Touristen anzuziehen, was viele Geschichten mit Drogenmissbrauch inkludiert. In den letzten Jahren ist es besser geworden, seit die lokalen Behörden strenger wurden, wenn es um Drogen geht. Überall hängen Schilder, dass sogar der Gebrauch von Marihuana mit hohen Strafen zur Anzeige gebracht wird.

In den letzten Jahren hat sich das Klima deshalb gebessert, trotzdem ist Vang Vieng bis heute ein Ort, der Menschen anzuziehen scheint, welche sich wenig Gedanken um ihr Umfeld machen und darum, welchen Eindruck sie an einem Ort hinterlassen. Leute, die nur Parties im Sinn haben und nicht sehen, in welchem Kontext sie agieren, in welche lokale Kultur und Natur sie eingreifen und welchen Schaden dies auf die Umgebung ausübt.

Wäre ich hier nicht zufällig gestrandet, so hätte ich mich nicht für Vang Vieng als Station auf meiner Reise entschieden. Ich bin froh, Tami kennengelernt zu haben, denn so habe ich etwas über das Vang Vieng vor hochtouristischen Zeiten erfahren. Gleichzeitig bin ich froh, diesen Ort zu verlassen.

Für jene von euch, die irgendwann geplant oder ungeplant hier landen sollten: Bitte schaut euch mal in der Umgebung um, wie könnt ihr hier verantwortungsbewusst und respektvoll handeln? Aktivitäten wie “tubing” zerstören das lokale Ökosystem: Bei meinem späteren Besuch auf einer Farm hat mir die Besitzerin von früheren lokalen Seidenschalproduktionen erzählt, welche nun nicht mehr möglich sind, da die Seidenwürmer aufgrund des Lärms am nahegelegenen Fluss (laute Technomusik von Tubing-Touristen) ausgestorben sind.

Wir haben nur einen Planeten Erde und jede Landschaft ist wie ein Schatz. Lasst uns diese Orte genießen, solange wir können – und wir brauchen nicht immer Alkohol und laute Partymusik dafür. Ganz im Gegenteil eigentlich.

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Die Landschaft rund um Vang Vieng ist so schön. Wir müssen jedoch verantwortlich handeln, sodass dies auch so bleibt.

Mit Tami zu sprechen war großartig, doch ich bin kaum fertig mit meinem Frühstück, als das Pick-Up zum Baumhaus ankommt. Yay, endlich, raus in die Natur!

Das Baumhaus & meditieren im Reisfeld

Als ich dort ankomme, wo ich das Baumhaus erwartete, sehe ich eine kleine Höhle, etwas Wasser und jede Menge Touristen, die in ihren Ganzkörperschwimmanzügen ein trara machen, als würden sie sich zum ersten mal im Wasser befinden. Naja, vielleicht ist es ja auch so. Trotzdem ist mir das zu hektisch hier und der Lärm ist unaushaltbar, so ein schöner und, könnt ihr nicht einfach schhhhh! Nope, sie können nicht. Also mache ich mich mal wieder auf einen Spaziergang auf und lande in umherliegenden Reisfeldern mit Büffeln, jeder Menge Schmetterlinge und kleinen Teichen.

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Frische Mandarinen (ja, die sind im Original grün, auch, wenn sie reif sind)

Die Sonne ist ziemlich stark hier und auf dem staubigen Weg gibt es kaum Schattenmöglichkeiten. Ich mache es mir bei einem der Teiche unter einem Baum gemütlich und beobachte die einheimischen Kinder, wie sie von einem selbstgebauten Hochstand unermüdlich ins Wasser springen.

Mein Rücken meldet sich, also fange ich an, ein paar meditive Yogaübungen zu machen. Meditation ist etwas, was ich diesen Monat mehr üben möchte, ich hab so viel davon gehört, wie sehr sie gegen Stress helfen soll. Es ist auch ziemlich praktisch, nicht ständig überlegen zu müssen, was mache ich als Nächstes? So zählt auch das gezielte Nichtstun als Aktivität. Da es mir auch hilft, mich mit den lokalen Temperaturen zu akklimatisieren, fällt es mir gar nicht so schwer, sie in meinen Tag einzubauen.

Nach ein paar Stunden ist es aber dann doch genug mit der Ruhe und ich mache mich auf den Weg zurück zum Baumhaus, um im Garten zu chillen. Hier wachsen frische Mandarinen an den Bäumen und ich darf welche probieren. So sehen die also aus, wenn man sie nicht im Supermarkt kauft. Immer wieder spannend, welch verklärtes Bild man als verwöhntes, “westliches” Kind (aus einem Industriestaat) so von der Natur hat.

cof

Ich treffe ein japanisches Pärchen, die nicht nur wahnsinnig nett sind sondern auch weit herumgekommen. Sie sind so aufgeregt, mich kennenzulernen, eine echte Österreicherin! Schließlich waren sie bereits mehrmals in Wien, Salzburg und weiteren Orten in der Umgebung. Ich habe das Gefühl, sie kennen mein Herkunftsland besser, als ich 🙂

Glücklicherweise werden sie die kommende Nacht auch im Baumhaus verbringen, worüber ich ziemlich erleichtert bin, denn ansonsten hätte ich alleine dort oben schlafen müssen. Das wäre dann nochmal eine ganz andere Erfahrung geworden, denn die Besitzer bleiben nicht, sie freuen sich – natürlich – nachts zu ihren Familien zurückzufahren.

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Ein japanisches Pärchen wird mir im Baumhaus Gesellschaft leisten.

Die starke weiße Frau bekommt die Verantwortung

“Du machst das schon!”, meint Chan, der die Leitung hier über hat, und verschwindet, um ein paar Taschenlampen zu holen. “Du bist einer dieser weißen Frauen, die alleine reist, du kannst das japanische Pärchen anleiten.” Ähm, entschuldige bitte, was?!

“Ich gehe voraus, da ich die Taschenlampe halte und tue so, als wär ich total sicher, wohin ich gehen soll. Schließlich hat mir Chan die Verantwortung gegeben…”

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Chan glaubt an mich. “Du machst das schon!”, sagt er und freut sich darauf, heute früher zu seiner Familie zurückzufahren.

Sätze wie diesen höre ich nicht zum ersten mal: Als allein-reisende Frau in Asien wirke ich auf viele Locals (und nicht nicht nur auf die) immer noch ziemlich besonders und wir – also die Solo-Backpackerinnen – sind eine ganz besondere Spezies für Viele. Der Stereotyp, soweit ich ihn kenne, sieht so aus: “weiß, stark, reich, unabhängig, stur, will keine Hilfe, trägt ihr eigenes Gepäck und will keine ungefragten Ratschläge”. Und dann wird manchmal noch ergänzt: “Familie stellt keinen Wert für sie dar” oder “kann keinen Mann finden”, warum würde sie schließlich so ganz alleine reisen? Laoten im Jahr 2018 sehen das allerdings bereits wesentlich entspannter als Filipinos im Jahr 2011, diesmal bin ich nicht mehr angehalten worden mit der Bitte, ein Foto mit mir machen zu dürfen 😉

Orientierung im nächtlichen Dschungel

Also los, es ist nun fast komplett dunkel und das japanische Pärchen und ich machen uns auf den Weg nach oben Richtung Baumhaus, welches mitten in einem Felshang umgeben von jeder Menge Palmen und Bäume steht. Ich gehe voraus, da ich die Taschenlampe habe und tue so, als wäre ich komplett selbstsicher: Schließlich hat Chan mir die Verantwortung gegeben, auf das japanische Pärchen aufzupassen, welche altersmäßig meine Großeltern sein könnten. Ich fühle mich nur tatsächlich so gar nicht sicher und habe tatsächlich keine Ahnung, wohin wir genau gehen. Aber gut. Going with the flow ist die Devise.

“So viel zum Stereotypen von den starken weißen Singlefrauen – die japanischen Ladies sind die richtigen badass Heldinnen, wenn ihr mich fragt.”

Die japanische Dame (leider habe ich ihren Namen nicht notiert) stellt sich als um einiges mutiger heraus, als ich. Sie hört nie auf zu Lächeln, obwohl wir bereits alle erschöpft sind und uns im Dunkeln auf unbekanntem Terrain bewegen. Jedes mal, wenn eine Kreuzung kommt und ich mich mit fragendem Blick zu ihnen umdrehe, nickt sie mir ermutigend und voller Energie zu. Wow. Ich will so fit sein wie die beiden, wenn ich in ihrem Alter bin, denke ich. Nein, auch jetzt, in meinem Alter wär ich das gerne!

Als wir endlich beim Baumhaus ankommen, bin ich so glücklich, heil am Ziel zu sein, dass ich mich sofort unter ein Moskitonetz auf eine Matratze verkrieche und erstmal erhole. Mist, ich muss pullern. Das war klar. Ich höre, wie die anderen weiter klettern, sie scheinen sich auf die Hängebrücke zu wagen, die zu den Duschen führt. Ich hab keine Nerven für ein weiteres Abenteuer, also freue ich mich, als ich um die Ecke eine Open-Air-Toilette finde. Ich hoffe nur, dass hier keine Schlangen oder Spinnen unterwegs sind – so richtig viel sehe ich auch mit meiner Taschenlampe nicht mehr – und dann gehe ich schlafen. So viel zum Stereotypen von den starken weißen Singlefrauen – die japanischen Ladies sind die richtigen badass Heldinnen, wenn ihr mich fragt.

Das schönste Panorama zum Aufwachen

Es gibt fast nichts Schöneres, als in der freien Natur aufzuwachen (zumindest, wenn ich nicht am ganzen Körper spüre, dass ich gerade draußen übernachtet habe und hier waren ja gemütliche Matratzen & schützende Moskitonetze). Bereits bevor die Sonne aufgeht, wecken mich die abertausenden an Grillen mit ihrem Gezirpe gemischt mit vielen anderen Dschungel-Geräuschen auf. Das beste ist jedoch die Luft: so klar und frisch, wie ich sie selten erlebt hab. Schnell geht’s raus aufs Deck mit Kamera und Tripod unterm Arm.

Während der Selbstauslöser jede Sekunde ein Foto schießt und Moment für Moment festhält, wie die Sonne über den Reisfeldern von Laos aufgeht, probiere ich mich an ein paar improvisierten Yoga-Moves, um richtig wach zu werden. Da ich mich nie an richtige erinnern kann, denke ich mir einfach meine eigenen aus, dann heißt das wahrscheinlich einfach nur stretching. Dann mache ich nichts mehr. Außer sitzen, beobachten und genießen.

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Meine erste Dusche mit 30 – im Dschungel

Jetzt sehe ich auch, wo das japanische Pärchen gestern noch Duschen gefunden hat – in der kompletten Finsternis, möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen. Die Badezimmer (Armaturen in offenen Holzkabinen mit Bambusvorhängen, damit keine Tiere reingucken können) sind in einem weiteren Baumhaus versteckt, welches durch eine Hängebrücke mit unserem verbunden ist.

Da bei Tageslicht umherzulaufen ist fast noch aufregender, als im Dunkeln, da ich nun tatsächlich sehen kann, dass hier – natürlich – nicht alles TÜV-sicher ist. Zeit für Sorgen bleibt keine, schließlich wollte ich es so 🙂

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Es gibt sogar fließendes Wasser hier oben (die Magie der Solarkraft) und während ich meine erste Freiluftdusche seit langer Zeit nehme, kann ich die schönste Aussicht über Reisfelder und Berge genießen 🙂 So, jetzt bin ich hungrig und bereit für ein Frühstück. Glücklicherweise ist Chan bereits angekommen und hat Kaffee für uns vorbereitet. Außerdem hat er eine Überraschung mitgebracht: seinen Sohn Dao, der erst 10 Monate alt ist. Nun gibt es frische Laotische Früchte, Eier und Kaffee für alle. Könnte dieser Geburtstag perfekter sein? Ich glaube nicht.

“Erwachsen auf eine gute Art – um so kindisch zu sein, wie ich will. Erleichtert und befreit. So fühlt es sich an.”

sdr

Die 30er – here I come

Das war wirklich das beste Geschenk, das ich mir selbst machen konnte. Danke an euch alle, die mein Ankommen in Laos so besonders gemacht haben und natürlich an alle meine lieben Freundinnen und Freunde & Familie, die an mich gedacht haben und mir Grüße geschickt haben, um mich daran zu erinnern, wo mein zu Hause ist 🙂

Ich freue mich jetzt auf viele weitere Tage wie diesen in meinem Geburtstagsmonat und dann viele weitere Monate, die sich wie ein Geburtstagsmonat anfühlen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das sagen würde, aber ich freue mich auf meine 30er.

Endlich habe ich das Gefühl, mich um mich selbst kümmern zu können. Ich habe die Fertigkeiten und die Erfahrung, um finanziell für mich zu sorgen, ich habe endlich verstanden, dass ich Selbstliebe praktizieren muss, um emotional und physisch gesund zu bleiben. Erwachsen auf eine gute Art – um so kindisch zu sein, wie ich will. Erleichtert und befreit. So fühlt es sich an.

Mehr Geschichten von dieser Reise

Mein Geburtstagsmonat und mein Abenteuer, mich besser um mich selbst zu kümmern, gingen noch dreieinhalb Wochen weiter. Davon werde ich in nächster Zeit noch mehr Blogartikel teilen und von meinen Erlebnissen in Laos, Thailand und Myanmar berichten. Danke fürs Lesen 🙂

Meine Stationen

Wichtig! Meine Artikel sollen nicht als Reisevorschläge verstanden werden, vielmehr teile ich lediglich meine Erfahrungen. Reisen ist für jede’n von uns anders und du hast vielleicht einen komplett anderen Fokus, worauf du achtest und was dir wichtig ist, wenn du unterwegs bist.

Falls du nach etwas Bestimmtem suchst, investiere Zeit in die Recherche und sei immer offen für ein anderes Ergebnis: Orte verändern sich schnell – besonders in Südostasien. Also solltest du sogar die exakt gleichen Orte besuchen, wie ich, hast du wahrscheinlich ein komplett anderes Erlebnis dort und wirst andere Menschen kennenlernen.

Wo auch immer du als Backpacker’in hinkommst, stell dich immer auf Veränderung ein und reise mit so wenigen Erwartungen, wie möglich, dann bist du ein Happy Traveller 🙂 Enjoy!

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1 Angstattacken, Konzentrationsprobleme, Autounfall, Überforderungsprobleme, Burnout. Ich sage das hier auf keinen Fall, um Mitleid zu bekommen – nein danke – sondern um öffentlich über Tabuthemen zu sprechen. Das Nichtreden darüber ist nämlich ein großer Teil des Problems. Falls du Fragen dazu hast, kannst du jederzeit fragen. | 2 Unterstützung von Familie und Freund’innen, von manchen Kolleg’innen, von Fremden, die ich auf dem Weg kennenlernen durfte. Das Zurückgewinnen von Vertrauen in meinen Körper, meinen Geist und meine Fähigkeiten. | 3 Schweizer Fernsehen (2006)  | 4 Immer wieder finde ich Schilder, die davor warnen, Straßen und Wege zu verlassen, da noch viele unentschärfte Minen im Land liegen. Es fehlt das Geld, um sie zu identifizieren und zu entschärfen.

 

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