Warum die 7-jährige Suvimon in einem thailändischen Waisenhaus von einem Schneemann träumt

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Während meines Aufenthalts in Thailand im November 2018 suchte ich nach lokalen Waisenhäusern in der Region. Mein Fokus lag auf Organisation, welche verhindern, dass Kinder auf den Straßen Thailands landen. Auf diesem Weg fand ich El Shadai, ein kleines Waisenhaus bei Chiang Rai, betrieben von Surasak und Narimon und lernte die 7-jährige Sutipon kennen, die von einem Schneemann träumt. 

Inspiriert durch ein Buch

Seit ich ein Teenager war, wollte ich ein Waisenhaus in Asien besuchen. Ich war immer schon eine Leseratte (damals mehr, als heute) und las damals Femme aux mille enfants (Eine Frau für tausend Kinder) von Yvette Pierpaoli, einer französisch-italienischen Flüchtlingshelferin. In ihrem Buch erzählt sie vom Aufbau eines Waisenhauses in Kambodscha.

Besonders beeindruckend fand ich ihre Hartnäckigkeit, mit der sie Projekte durchzog. Gleichzeitig war ich traurig über die simple Tatsache, dass wir solche Organisationen brauchen: Millionen von Kindern weltweit haben entweder ihre Eltern verloren bzw. haben keine Familien, die sich um sie kümmern können.

Auf der Suche nach einem lokalen Waisenhaus

Als ich schließlich im November letzten Jahres endlich nach Thailand kam, widmete ich meine erste Recherche also lokalen Waisenhäusern in der Region. Ich wollte mehr über ihre Hintergründe erfahren, wollte verstehen, warum so viele Kinder nicht bei ihren Familien leben können und wie wir (in dem Fall Rucksackreisende, Leute aus Europa, etc.) sie unterstützen können. So lernte ich Surasak und Narimon kennen, welche sich in ihrem kleinen Waisenhaus El Shadai in Chiang Rai um 16 Kinder kümmern.

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Narimon (li) und Surasak (re)

Damit hatte ich gar nicht gerechnet, ich war so happy, dass mein erster Versuch erfolgreich war!

Ich werde sogar abgeholt

Surasak und Narimon, Einheimische aus der Chiang Rai Region, besitzen ein Haus bzw. genauer gesagt ein Areal mit mehreren Häusern, einem Garten und Gemeinschaftsflächen in der grünen Umgebung der Stadt. Eines Tages beschlossen Sie, genau das mit Waisenkindern zu teilen. Sie verwandelten die Fläche in ein kinderfreundliches Anwesen. Heute ist El Shadai das Zuhause von sechzehn Kindern im Alter von vier bis neunzehn Jahren.

Als Surasak meine E-Mail bekommt mit der Frage, ob ich einen Tag vorbeikommen könnte, um zu helfen, antwortet er sofort und will mich sogar persönlich von meinem Hostel in Chiang Rai abholen. Damit hatte ich gar nicht gerechnet, ich war so happy, dass mein erster Versuch erfolgreich war! Am nächsten Morgen sitze ich mit meinem Kaffee und meiner Frühstücksavocado aufgeregt im tropischen Innenhof und kann es kaum erwarten, den Geländewagen hupen zu hören. Was mich wohl erwartet?

Ein Hilfsangebot mit transparenter Kommunikation

Als mich die Beiden abholen, fühle ich mich sofort willkommen. Sie sind von Beginn an sehr sensibel und transparent in ihrer Kommunikation, was die Möglichkeiten der Unterstützung angeht: Die erste Frage nach dem Kennenlernen ist, wie ich helfen möchte.

Dass ich als Rucksackreisende jedoch mit stark limitiertem Budget reise und lieber in einem 10-Bett-Zimmer übernachte, als einem sauberen Hotelzimmer, sehen viele Locals oft nicht.

Falls ich finanziell unterstützen wollte, würden sie vorschlagen, zu einem Supermarkt zu fahren und dort um den Betrag für die Kinder einzukaufen, den ich vorschlug. Wunderbar, dann haben wir das gleich geklärt und es kommt zu keinen unangenehmen Situationen.

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Auf unserem Weg ins Waisenhaus El Shadai in der Umgebung von Chiang Rai.

Warum ich das so hervorhebe? Weil ich durchaus bereits andere Erfahrungen gemacht habe, wo ich als die reiche, weiße “Lady” gesehen und mit großem Luxus gleichgesetzt wurde. Verständlich, wenn man es nicht besser weiß und durch Medien ein gewisses Bild vorgegaukelt bekommt – Vorurteile gibt es schließlich in alle Richtungen.

Dass ich als Rucksackreisende jedoch mit stark limitiertem Budget reise und lieber in einem 10-Bett-Zimmer übernachte, als einem sauberen Hotelzimmer, sehen viele Locals oft nicht. Aus diesem Grund fühle ich mich mit der direkten Kommunikation gleich wohler, Surasak und Narimon zum Waisenhaus El Shadai zu begleiten.

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El Shadai mit Blick auf den Schlafsaal der Mädchen.
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Hier warte ich, während Surasak und Narimon noch letzte Vorbereitungen für das Kennenlernen mit den Kindern treffen.

So mitten im Raum auf einem Stuhl zu sitzen, während die Kinder eine kleine Aufführung präsentieren ist nicht gerade eine angenehme Situation für mich.

Ankunft in El Shadai

Wir fahren in die ländliche Umgebung von Chiang Rai. Flache Landschaften, ein paar wenige Hügel prägen das Bild. Als wir beim Waisenhaus ankommen, ist es ziemlich ruhig. Es ist ziemlich heiß heute und die Kinder suchen im Gemeinschaftsraum Schutz vor der Mittagssonne. Außerdem sind sie wahrscheinlich ein bisschen nervös, denn, wie ich später erfahre, haben sie eine kleine Show für ihren Gast vorbereitet: für mich.

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Ein paar Kinder bei ihrer Vorstellung für mich.

So mitten im Raum auf einem Stuhl zu sitzen, während die Kinder eine kleine Aufführung präsentieren ist nicht gerade eine angenehme Situation für mich. Sie lernen, dass dies eine schöne Art ist, um ihren Sponsoren und Gästen etwas zurückzugeben. Ich auf der anderen Seite habe eher das Bedürfnis, mich mit den Kindern auf Augenhöhe zu verbinden, als auf diesem erhobenen Stuhl zu sitzen. In diesem Moment nehme ich mir fest vor, bald die Malkreiden auszupacken (gut, dass ich die dabei hatte).

Malen – eine ungewöhnliche Aktivität

Als ich Surasak um Papier bitte, versteht er zuerst nicht, was ich meine und wofür ich das brauchen sollte. Er vertraut mir aber – eine schöne Erfahrung, dieses gegenseitige Vertrauen, trotz dem wenigen Englisch, das wir als gemeinsame Sprache teilen – und kommt mit ein paar Blättern aus der Kopiermaschine zurück.

Da wir keine gemeinsame Sprache teilen, sodass ich mit Worten erklären könnte, was wir nun machen, fange ich einfach selbst an zu zeichnen.

Ich setze mich also auf den Boden und fange an, jedem Kind ein Blatt zu geben. Sie beäugen mich aus sicherem Abstand, manche toben noch herum (Pasit ist besonders aufgeweckt und rast wie ein Wirbelwind durch den Raum), manche starren mich still an, andere sitzen abgewandt in der Ecke. Was die Besucherin mit den bunten Stiften und den leeren Blättern wohl von ihnen will?

Was bedeutet “zu Hause” für ein Waisenkind?

Da wir keine gemeinsame Sprache teilen, sodass ich mit Worten erklären könnte, was wir nun machen, packe ich die Malkreiden zur freien Entnahme in die Mitte und fange einfach selbst an zu zeichnen. Zuerst versuche ich mich an einer Palme, in der Hoffnung, die Kinder erkennen sie als solche. Dann schaue ich sie mit einem ermutigenden Lächeln an, sie sollen es doch auch versuchen.

Jetzt verstehen wir uns, jetzt teilen wir einen Moment.

Ich freue mich, als die Kinder nach und nach in die Box mit Malkreiden greifen, um dann beseelt und konzentriert an ihren Bildern zu malen. Nach ein paar Minuten bitte ich Surasak doch noch, ergänzend etwas zu übersetzen: Sie sollen ihr zu Hause zeichnen. Ich bin neugierig, was “zu Hause” für ein Waisenkind bedeutet. Immer mehr wird erkennbar, ich sehe Hügel, Häuser, Fische und Vögel. Alle sind nun ganz bei sich und ich kann mich endlich entspannen. Jetzt verstehen wir uns, jetzt teilen wir einen Moment.

Ich darf die Kinder kennenlernen

Die Kinder von El Shadai sind zwischen vier und neunzehn Jahre alt. So kümmern sich die älteren um die jüngeren, alles funktioniert wie eine große Familie. Durch ihre Bilder und mit Hilfe der Übersetzung von Surasak darf ich sie nun alle einzeln kennenlernen.

Yanisa, die große Schwester

Yanisa ist achtzehn Jahre alt, als ich sie besuche (November 2018). Sie nimmt oft die Rolle der großen Schwester an, besonders für die kleine vierjährige Sutipon.

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Die Mädchen zeichnen das, was sie als ihr Zuhause sehen.

Yanisa ermuntert auch heute Sutipon ihr eigenes Meisterwerk zu gestalten und am Ende präsentieren beide stolz ihre Ergebnisse:

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Yanisa (18) & Sutipon (4)

Sutipon, die Kleinste

Als ich vom Leiter eine kleine Tour durch das Waisenhaus erhalte, ist uns Sutipon dicht auf den Fersen, um mir ihr zu Hause zu zeigen. Besonders stolz zeigt sie mir ihr eigenes Bett im Mädchenschlafsaal.

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Sutipon zeigt mir ganz stolz ihr Bett.

Pasit, der Neugierige

Während ich die “Eltern” interviewe, um noch mehr über die Geschichte von El Shadai zu erfahren, will Pasit auf jeden Fall dabei sein. Er ist ein besonders aufgewecktes Energiebündel und immer im Spielemodus, kann gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen. Kaum passe ich nicht auf, schnappt er sich mein Videoequipment und lächelt zufrieden über seine neuste Errungenschaft.

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Pasit schnappt mir das Videoequipment gleich mal weg. Die Erwachsenen solle nicht so viel quatschen, er will schließlich spielen!

“Waisen” haben manchmal noch Eltern

Pasits Eltern sind noch am Leben, sie haben sich jedoch getrennt. In Thailand bringt es Unglück, ein Kind in eine neue Familie mitzubringen, weshalb der wiederverheiratete Vater Pasit nicht aufnehmen kann. Seine Mutter kann sich wiederum die Kosten für ein Kind nicht leisten, weshalb er nun in El Shadai aufwächst.

Leider ist dies keine seltene Situation in Südostasien, was auch ein Grund für die hohe Anzahl an Waisenhäusern in der Region ist. Gleichzeitig ist dies auch ein großer Kritikpunkt, oft gibt es wenig Verständnis für diese Definition von “Waise” aus europäischer Perspektive.

Vor Ort zu fragen oder zu googeln geht sehr einfach, ihr braucht kein Geld in Verwaltungsorganisationen stecken.

Helfen geht auch ohne teure Vermittlungsgebühren

Auch der Engagement-Tourismus wird zunehmend kritisiert: Organisationen aus Europa und Nordamerika nehmen oft viel Geld von jungen, motivierten Weltverbesserern für die Vermittlung zu sozialen Organisationen in Südostasien. Auch ein Grund, warum ich mich auf eigene Faust auf die Suche machen wollte und hier berichten kann: Das geht sehr gut und sehr einfach, ihr braucht kein Geld in Verwaltungsorganisationen stecken. Helft lieber direkt vor Ort, fragt herum, googelt, ihr werdet viele lokale Projekte finden, die euch ganz ohne Vermittlungsgebühren mit offenen Armen empfangen.

Viele dieser kritischen Stimmen haben in meinen Augen auch berechtigte Argumente. Trotzdem ändert dies nichts an der Tatsache, dass diese Kinder ohne soziale und finanzielle Unterstützung  auf der Straße oder in der Kriminalität landen würden, oder beides. Menschen wie Narimon und Surasak – sowie Spenden aus der Community – können sie es verdanken, dass sie behütet aufwachsen und eine Chance auf Bildung und ein selbstbestimmtes, hoffnungsvolles Leben haben.

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Pasit ist plötzlich ganz still geworden, während er an seinem Werk zeichnet.

Vorher war Pasit noch wie verrückt durch den Raum gerannt und suchte um jeden Preis unsere Aufmerksamkeit, nun sitzt er friedlich und ruhig vor seinem Blatt und malt. Er bleibt so nah bei mir, wie nur möglich und da er nicht ganz sicher ist, was er tun soll, fängt er an, mich zu imitieren: Wenn ich einen Ozean zeichne, malt auch er einen Ozean. Wenn ich eine Palme zeichne, sieht er mir ganz genau zu und versucht sich dann an einer eigenen. Ich bin fasziniert, wie bedacht und genau er seine Umgebung beobachtet, während er beim Kennenlernen noch wie ein großer Störenfried auf mich wirkte. Die Magie der Malkreiden 🙂

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Pasits Bild ist fertig! Aber ne, direkt in die Kamera mag er dann doch nicht schauen.
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Pasits Kunstwerk

Siba, der Ruhige

Der zwölfjährige Siba gehört zu den Ruhigen. Er beobachtet das Treiben lieber aus der Ferne, vermeidet zu viel Action und zeichnet in Stille. Als ich ihn frage, was man auf seinem Bild sieht, sagt er es wäre sein “hill tribe village”, sein Stammesdorf in den Hügeln. Die meisten Kinder hier gehören einem Stamm aus der Region an.

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Siba (li)
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Siba (12) zeichnete sein Dorf: Dort ist er aufgewachsen.

Suvimon, die Träumerin

Suvimon gehört zur fröhlichen, quirligen Sorte und scheint von einem weißen Weihnachten zu träumen. Sie zeichnet einen Tannenbaum mit einem Stern und sogar einen Schneemann – beides existiert in Thailand nicht in freier Wildbahn. Dank YouTube weiß sie jedoch bereits, dass es so etwas irgendwo auf der Welt geben soll, und vielleicht kann sie dort eines Tages sogar hin…

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Suvimon (7) träumt von einem Weihnachten mit Tannenbaum und Schneemann, wie sie es im Internet gesehen hat.

Ein gemeinsamer Ausflug & eine Ode an die Technologie

Worauf sich die Kinder allerdings neben dem Malen wirklich freuen ist ein gemeinsamer Ausflug, den wir heute noch unternehmen. Wir dürfen alle zusammen im El Shadai-Bus hinten mitfahren – da bin ich fast noch aufgeregter, als die Kleinen! Ich muss mich gut festhalten, um nicht runterzupurzeln, die Kinder lehnen sich bei jeder Kurve gekonnt in Schräglage.

Auf dem Weg beginne ich mit Yanisa zu quatschen, eine der “großen Schwestern”. Ihr Englisch ist bereits sehr gut und den Rest der sprachlichen Lücken können wir mit Google Translate überbrücken.

Nun werden alle so richtig neugierig und fangen an, mir viele Fragen zu stellen. “Woher kommst du?” – ooooh, Deutschland, Österreich, Berlin, Wien. Sie schauen sofort auf Google Maps, wo das liegt. “Aaaaah!”

Das ist verrückt, denke ich. Diese Kinder haben die Möglichkeit, sich selbst zu bilden, mit der Hilfe eines Smartphones und dem Internet. Manchmal liebe ich fortgeschrittene Technologie einfach.

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Wir machen sogar einen Ausflug zusammen! Die Busfahrt ist – vor allem für mich – ziemlich aufregend.

Ein schönes gemeinsames Erlebnis

Kids, ich hatte einen großartigen Tag mit euch! Ich wünsche euch nur das Beste für eure Zukunft, bleibt weiterhin so stark, hört nicht auf zu spielen und bleibt neugierig! Ich glaube an euch, dass ihr euren Weg finden werdet.

Narimon und Surasak, falls ihr das lest, danke euch vielmals für die Möglichkeit, diesen Tag mit euch zu verbringen, für eure Gastfreundschaft, dass ich mich so respektvoll und offen behandelt habt. Und, natürlich, danke für eure Einladung in euer Zuhause, El Shadai!

Am Meisten möchte ich euch allerdings für eure Energie und eure Liebe danken, die ihr jeden Tag aufbringt, um diese Welt ein kleines Stückchen besser zu machen. Wir brauchen Menschen wie euch und die Kinder werden nie vergessen, was ihr für sie getan habt. Ich hoffe, wir begegnen uns eines Tages wieder und bis dahin wünsche ich euch nur das Beste!

Ein gemeinsames Gruppenbild zum Abschluss 🙂

El Shadai lebt von Spenden

Narimon und Surasak haben das Waisenhaus komplett aus eigenen Kräften aufgebaut. Sie führen es mit Hilfe von Spenden aus der lokalen Community und von Reisenden, die vorbeikommen, wie ich. Es war nur ein sehr kleiner Beitrag, den ich leisten konnte, es fühlte sich aber nach einem sinnvollen an.

El Shadai kann jede Spende und jede sonstige Unterstützung stets gebrauchen, egal, ob klein oder groß. Ich kann euch sagen, mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben, wie das Geld vor Ort sinnvoll eingesetzt wird. Jeder Beitrag macht einen großen Unterschied für die Kinder, ein sicheres, liebevolles zu Hause zu schaffen, eine gute Bildung zu erhalten und sich selbst und ihre eigenen Familien eines Tages unterstützen zu können.

Dazu kommt, dass jede Geste auch die “Eltern” unterstützt, Narimon und Surasak, welche unermüdlich weitermachen, mit nur zu bewundernder Energie und Motivation, jeden Tag aufs Neue. Falls du sie finanziell unterstützen möchtest, findest du hier die Details.

Empfänger: El Shadai for hill tribe project
Bank: SIAM COMMERCIAL BANK PCL.
Kontonummer: 507-274861-8
BIC/SWIFT CODE: SICOTHBK

Falls du selbst in der Gegend bist, kannst du auch mit Surasak direkt Kontakt aufnehmen. Vergiss nicht, liebe Grüße von mir zu bestellen 🙂


 

Fotos & Text: Kerstin Schachinger